20.12.2016
Eine Entscheidung für die Geschichte der Stadt Forst (Lausitz)
Reflexion auf die Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung vom 9. Dezember 2016


Gedanken des Museumsvereins zur Entscheidung der Stadtverordneten zur Weiterentwicklung des Brandenburgischen Textilmuseums einschließlich der Unterbringung der „Schwarzen Jule“ vom 9. Dezember 2016

Die Beschlussvorlage SVV/0370/2016 (neu) zur Grundsatzentscheidung der Weiterentwicklung des Brandenburgischen Textilmuseums Forst (Lausitz), kurz BTM, einschließlich der geeigneten Unterbringung der historischen Forster Stadteisenbahn „Schwarze Jule“ im BTM in der Sorauer Straße wurde während der Sitzung der Stadtverordneten am 9. Dezember 2016 mehrheitlich angenommen. Die Mehrheit von 12 Ja-Stimmen gegenüber 8 Nein-Stimmen und 6 Enthaltungen zeigt die unterschiedliche Bewertung der Fraktionen und einzelner Abgeordneter zur geplanten baulichen Erweiterung des BTM Forst, um davon ausgehend auch die Qualität der Expositionen zu erhöhen, bis hin zu einer Dauerausstellung der Forster Stadtgeschichte, von den Anfängen nicht nur der Textilindustrie der Stadt und dem Brückenschlag in die Gegenwart mit den Problemen des Strukturwandels in der Grenzregion zu Polen. Auch das Archiv verschwundener Orte sollte dabei in zeitgemäßer Form integriert werden. Dies bedeutet letztlich Geld in die Hand zu nehmen, um in mehreren Bauabschnitten über die Einwerbung von Fördermitteln, diese ambitionierte Aufgabe in Jahrzehnten vollenden zu können. Niemand weiß heute, ob alle Ideen der vorliegenden Machbarkeitsstudien mit einer geschätzten Gesamtsumme von 8 Millionen Euro so realisierbar sind. Entscheidend ist, das Projekt mit Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit auf den Weg zu bringen, um dann zu sehen, was konkret im jeweiligen Bauabschnitt umsetzbar ist. Dieser Intention ist die Mehrheit der Stadtverordneten gefolgt.
Die Investitionen sollten auch dazu führen, die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter, aber auch die
Möglichkeiten für Besucher und Gäste deutlich zu verbessern. Dies schließt solche Parameter ein, wie die Aufwertung des Eingangsbereiches des BTM, den Einbau einer Heizungsanlage, um das Provisorium des Heißluftgebläses abzulösen, den Einbau eines geprüften Lastenaufzuges, annehmbare Räume für das Personal und die museumspädagogische Arbeit bis hin zu Gedanken um die Barrierefreiheit in einem denkmalgeschützten Gebäude.
Nicht angestrebt wird der weitere Ausbau des BTM zu einem Textilbetrieb. Die Schauwerkstatt zeigt auch heute schon die wesentlichsten Schritte zur Tuchherstellung mit teils historischen Maschinen, die in ihrer Funktion gezeigt werden und auch auf andere Textilstandorte in Brandenburg übertragbar sind. Weitere Großmaschinen stehen in Depots, nicht alle sind zurzeit ausstellbar, und befinden sich nicht wie teilweise angenommen in den oberen Etagen des BTM.
Nicht zu erwarten ist ein landesgeförderdes Textilmuseum, auch wenn der Name BTM es so vermuten lässt. Es bleibt eine Einrichtung der Stadt, unterstützt von der Stadt Forst und dem Landkreis Spree-Neiße, aber dennoch über die Stadt- und Kreisgrenzen hinaus als Industriemuseum und Standortmarke bekannt.
Vielleicht wird man es einmal Brandenburgisches Textil- und Stadtmuseum Forst (Lausitz) nennen können, wenn die konträren Diskussionen dazu einen tragfähigen Konsens zulassen könnten.
Für den außenstehenden, geschichtsinteressierten Forster Bürger ist es mehr als beschämend, dass es zur Unterbringung der „Schwarzen Jule“ keinen Konsens gibt, obwohl die historische, für Forst einzigartige Lok seit 4 Jahren im Feuerwehrdepot „vorübergehend“ untergebracht ist. Auch die erfolgreiche trockene Kesselprüfung der Lok im November 2016, sicher ein zunächst visionäres Signal, blieb bei mehreren Abgeordneten unbeachtet. Verwunderlich ist dies letztlich nicht, wenn man weiß, dass einer der Abgeordneten die „Schwarze Jule“ für eine „skurrile“ Lok hält, eine Bemerkung höchster Ignoranz, obwohl diese Lok von 1893 bis 1965 nicht nur für die Forster Textilindustrie aktiv war und nachwievor ein Identitätsobjekt für viele Forster zu ihrer Stadtgeschichte darstellt. Auch Eisenbahnfreunde interessieren sich bundesweit für dieses historische Gefährt. Des Weiteren blockiert das kleinliche Festhalten am Standort vor dem BTM einige Stadtverordnete, obwohl die dortige umgestaltete Brache mit Grenzrose und Informationstafeln des Industrielehrpfades einen gewissen Bestandsschutz unterliegen sollte. Auch wenn man die „Schwarze Jule“ auf einen Werbeträger für die Stadt reduzieren möchte, ist völlig unklar, warum sie dies nicht ca. 100 m weiter in einem zu errichtenden Lokschuppen im hinteren Teil des Hofes des BTM leisten kann. Dort nicht eingesperrt unter Glas, sondern dem Besucher zugänglich, über Gleise bewegbar und geschützt vor Wetter und Sachbeschädigung.
Das ambitionierte Projekt des Ausbaues des BTM Forst mit der vordringlichen Unterbringung der „Schwarzen Jule“ in einer möglichen ersten Bauphase unterbindet in keiner Form andere Projekte der Stadt, wie den Ausbau von Grundschulen oder den Sportstätten am Wasserturm.
Dennoch darf man allen Forster Stadtverordneten danken, die mit Weitsicht und Courage mit dem politischen Mehrheitsbeschluss zur Vorlage SVV/0370/2016 (siehe Video zur SVV) eine Kultur- und Bildungseinrichtung unserer Stadt entwickeln und aufwerten wollen, auch wenn es Unwägbarkeiten und Probleme bei Folgeausschreibungen, Bauplanungen und Finanzierungen geben kann.
Danken möchten wir auch allen Unterstützern innerhalb der Stadtverwaltung Forst, den Teilnehmern der gemeinsamen Arbeitsgruppe des Museumsvereins der Stadt Forst (Lausitz) e. V., den Autoren der Machbarkeitsstudien für ihre Anregungen, den Dampflokfreunden aus Cottbus und Dresden, einschließlich der Mitarbeiter des Fachgebietes Eisenbahn- und Straßenwesen der BTU Cottbus-Senftenberg und den interessierten Forster Bürgern, deren Unterstützung auch in den nächsten Jahren dringend benötigt wird.




Autor: Museumsverein der Stadt Forst (Lausitz) e. V.
Der Vorstand